Urin ist quasi das Abwasser des menschlichen Körpers. Die Nieren sammeln nicht benötigte Abfallprodukte und Fremdsubstanzen, die in Wasser gelöst sind, und der Körper scheidet diese über die Harnwege aus.

Pro Tag scheidet ein durchschnittlicher Erwachsener 1-2l Urin aus. 95% davon ist Wasser die restlichen 5% setzten sich wie folgt zusammen.

  • 20 g Harnstoff.
  • 2 g Aminosäuren.
  • 1,2 g Kreatinin.
  • 0,5 g Harnsäure.
  • 0,5 g Zitronensäure.
  • 0,5 g reduzierende organische Verbindungen (Vitamin C, max. 0,07 g Glucose, u.a.)
  • 0,06 g Proteine
  • etwa 25 g anorganische Salze.

Unser Urin enthält sehr viele Nährstoffe, die in unserem Ökosystem an der richtigen Stelle sehr wichtig sind, an anderer sehr schädlich. allen voran Stickstoff, Phosphor und Kalium. Pflanzen benötigen diese Stoffe, welche Sie aus dem Boden ziehen für ihr Wachstum. Durch den Verzehr von pflanzlichen Lebensmitteln nehmen wir Stickstoff, Phosphor und Kalium auf und filtern die Überschüsse durch unsere Nieren über den Urin wieder aus. Mit der WC-Spülung werden die wertvollen Stoffe stark verdünnt in die Kläranlage gespült wo bei modernen Anlagen zwar ein Grossteil aus dem Wasser entfernt, jedoch bislang nicht effizient wiedergewonnen werden kann. Der unbehandelte Rest landet in unseren Gewässern und schlussendlich im Meer, wo der rasant steigende Nährstoffanteil den Algenwuchs beschleunigt und dadurch den Sauerstoffgehalt im Meer reduziert. Auf diese Weise entstehen sauerstoffarme (hypoxische) Zonen, in denen Fische, Muscheln, Garnelen und andere Meerestiere nicht überleben. Das weit grössere Problem kommt jedoch aus der Landwirtschaft. Nährstoffe aus überdüngten Feldern gelangen durch Auswaschung in die Gewässer. Ein zweites Problem das hier auftritt: Um den erhöhten Bedarf an Lebensmittel(über)produktion zu decken, werden synthetische Düngemittel eingesetzt. Diese werden energieintensiv industriell synthetisiert oder in uralten Lagerstätten in wenigen Ländern der Welt abgebaut und hierher importiert. Ein klassisches Beispiel wie ein Kreislaufsystem aus seinem Gleichgewicht gebracht werden kann.

Durch die Separierung des Urins direkt in der Toilette, kann der Urin einfach verarbeitet, die Nährstoffe erhalten und direkt als Dünger wiederverwendet werden. Eine Toilette, das bieten kann, nennt sich Trockentrenntoilette. Sie kommt darüber hinaus ohne Wasser aus. Grundsätzlich hygienisiert sich der Urin nach einer dreimonatigen Lagerung selbst und kann 1:10 mit Wasser verdünnt und direkt als Dünger wiederverwendet werden. Bei essbaren Pflanzen sollte darauf geachtet werden, einen Monat vor der Ernte mit der Düngung aufzuhören.

Die anfallenden Mengen und die Logistik dazu sind jedoch vor allem in städtischen Gebieten ein Hindernis in der Umsetzung. Und was ist mit dem penetranten Urin Geruch? Jeder kennt den Gestank an einer Strassenecke oder auf einem Festivalklo. Dies ist jedoch nicht der Geruch des Urins, wenn er den Körper verlässt, sondern dieser entsteht erst wenn sich der Harnstoff zersetzt und sich Ammoniak freisetzt.

Nach der Trennung in der Toilette sammeln wir daher den Urin und durch die Beigabe von Calcium Hydroxid (Löschkalk) wird der pH-Wert auf pH 12 erhöht, wodurch die Ammoniakproduktion unterbunden und potenziell vorhandene Krankheitserreger unschädlich gemacht werden. In diesem Zustand entstehen keine Geruchsemissionen und die Nährstoffe bleiben erhalten. Anschliessend lassen wir nun den Wasseranteil durch Ventilation verdunsten wobei ein nährstoffreiches Pulver zurückbleibt. Dieses Düngepulver kann einfach gelagert und mit Wasser verdünnt als Pflanzennahrung wiederverwendet werden.

Dieses System wurde vom Autarky Team des Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag entwickelt. Die Anwendung dafür fokussiert, wie der Name schon sagt, auf autarken Anwendungen wie: Berghütten, Regionen ohne Wasserzugang, Temporäre WC-Lösungen z.B. für Events und weitere.

Wie wir nun herausgefunden haben, macht es viel Sinn die Wiederverwendung der Nährstoffe und die Trennung von Urin in unsere Immobilienplanung aufzunehmen. Es gibt mittlerweile auch wassergeführte Trenntoiletten welche den Urin durch Oberflächenspannung vom Wasser trennen. Auch für die Verarbeitung von grösseren Mengen von Urin z.B. in einem Wohnblock oder Arbeitskomplex gibt es bereits Lösungen. Das bekannteste Projekt dazu ist wohl die Produktion des zertifizierten Pflanzendüngers Aurin von der Firma Vuna, welches ebenfalls von der EAWAG entwickelt wurde.

Und was passiert mit den festen Ausscheidungen? Fäkalien, welche vom Urin getrennt werden, enthalten nur sehr wenig Wasser. Wir geben etwas Pflanzenkohle drauf, und das ganze kann sofort in einem Kompostierungsprozess starten. Nach ein bis zwei Jahren kann der entstandene Kompost im Garten eingesetzt werden. Und auch wenn das vielleicht als Gedanke etwas ungewöhnlich ist, biologisch gesehen ist dies von gleicher Art wie Kuhmist oder Pferdekot.

Fazit: Wir sind längerfristig davon abhängig unsere Kreisläufe zu schliessen! Unsere Ausscheidungen sind ein wichtiger Bestandteil davon und daher ist dies kein Scheissgeschäft! Erste Ansätze, um diese Nährstoffe sinnvoller zu nutzen sind nun da. Damit diese einen Platz in unserer Gesellschaft finden, müssen wir darüber reden und in unserem Handlungsspielraum etwas ausprobieren! Bist Du gerade dabei ein Genossenschaftsgebäude zu planen, ein Rustico zu sanieren, bist du Facilitymanager oder siehst sonstige Anwendungen für ein solches System? Nimm Kontakt mit uns auf, wir verknüpfen Dich mit den richtigen Ansprechpartnern.

 

Mehr zu lesen unter:

www.sswm.info

www.autarky.ch

Categories: Autarkie

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